Mittwoch, 5. Juli 2017

New Waves Day - 13.05.2017, Oberhausen


Man nehme eine Handvoll Bands, die in den Achtzigern das ausmachten, was unter dem Begriff New Wave / Indie in den Plattenläden zu finden war und lässt sie allesamt an einem Tag auftreten - fertig ist das erfolgversprechende Rezept, welches zwar nicht neu ist, aber dennoch reizvolle Ansätze bildet. So holten sich die Macher des New Waves Day am 13.05. einige alte Underground-Helden in die Turbinenhalle nach Oberhausen und erschufen damit ein interessantes Festival, welches auch ziemlich gut angenommen wurde. Jede Menge Fans und Freunde dieses Genre kamen zusammen, um ihren langjährigen Lebens-Soundtrack-Gestaltern zu huldigen.

Sehr pünktlich waren somit als erstes die Post-Punker der Formation FRANK THE BAPTIST auf der Bühne, um die angereiste schwarze Masse anzuheizen. Als Support von den später noch auftretenden THE CHAMELEONS VOX war dieser Auftritt übrigens ein Teil der 'Magical History Tour - Part 2 2017'. Selbst erst knapp vor der Jahrtausendwende ins Leben gerufen, hat das Quartett sehr liebevoll die vertraute Attitüde der achtziger Jahre aufgenommen und daraus ihren eigenen Sound entwickelt. Mit dem vom aktuellen Album 'As The Camp Burns' resultierenden Track Ashes Ashes legten sie dann auch ziemlich flott mit ihrem halbstündigen Set los. Die Turbinenhalle hatte sich auch schon recht gut gefüllt und die Menge durfte so unter anderem die schon fast Band-Klassiker zu nennenden Tracks Falling Stars und Bleeding In My Arms vernehmen. Leider war der Sound nicht hundertprozentig abgemischt, so wirkte die ein oder andere Lieder-Passage etwas hallend in den Raum geworfen. Die gelungene Performance des Quartetts wurde mit dem brandneuen Song Angry Kids Of Jealous Gods abgeschlossen, welches auf der bald erscheinenden gleichnamigen E.P. erscheint und jede Menge Vorfreude bereitete.
Und was bleibt am eindrucksvollsten in Erinnerung? FRANK THE BAPTIST sind keine Freunde von Cover-Versionen, doch die sehr blues- und jazz-lastige Variante des MISFITS Songs Die Die My Darling, welcher ebenfalls auf die neue E.P. gepresst werden wird, war schon eine wunderbares Stück Musik!

FRANK THE BAPTIST
(photo: © Ralf Michael Benfer - benfisworld.blogspot.com)


FLIEHENDE STÜRME wurde die an diesem Abend einzige deutschsprachige Truppe ins Rennen geschickt. Entstanden aus der Punk-Combo CHAOS Z trieben die damalige Bandmitglieder unter neuem Namen ihren angepassten Sound, der neben den klassischen Punk Elementen nun noch eine gewisse melancholische Note inne hatte, ihre Kompositionen voran. So nutzte das Trio ihre dreißig Minuten beginnend mit einem druckvollem Sirenen für eine wunderbare Reise durch ihr Schaffenswerk. Ob nun Ein Tropfen im Feuer oder Blauer Mond; Sänger und Gitarrist Andreas Löhr sowie Kollegen hauten rein, als gäbe es kein Morgen und überzeugten an Spielfreude. Viel zu kurz schien der Auftritt der Jungs mit ihrem Depro-Punk, um ihn gebührend zu genießen. Ein wunderbares Satellit beendete das Set und zeigte, dass Fliehende Stürme lebendiger denn je sind.
Und was bleibt am eindrucksvollsten in Erinnerung? Während zur selben Zeit anderorts eine gewisse LEVINA mit einem englischsprachigen Song Perfect Live gnadenlos unterging, zeigen FLIEHENDE STÜRME auf der Bühne als Gesamtpaket, wie man mit deutschsprachigen Texten sehr wohl in einem englischsprachigen Pool bestehen - wenn nicht sogar sich behaupten - kann!

FLIEHENDE STÜRME
(photo: © Ralf Michael Benfer - benfisworld.blogspot.com)


Okay, als nächstes war die Electro-Formation BOYTRONIC angesagt. BOYTRONIC ? - ach ja, die hatten doch diesen nicht gerade kleinen Hit mit ihrem Song You. Aber sonst? So ratlos stand ich bestimmt nicht alleine vor der Bühne und harrte der Dinge, die da kamen. Rückblickend muss ich sagen, dass die Synthie-Popper einen tollen Auftritt hinlegten. Beginnend mit dem Opener Red Chips brachten sie zwischen ihrem klassischen Synthie-Pop und nahe am EBM grenzenden Song Time After Midnight eine sehr gute Stimmung unter das Volk. Ziemlich überraschend war, dass der seit letztem Jahr aktive Sänger James Knights mit Free To Love auch einen brandneuen Track ankündigte, welcher sehr eingängig wie modern wirkte. Auch wenn der Auftritt auf dem New Waves Day recht knapp angesetzt war, hat sich BOYTRONIC nicht nur meiner Meinung nach eindrucksvoll zurück in Erinnerung gerufen sowie aufgezeigt, dass die Arbeit mit dem ehemaligen Sänger von Scarlet Soho keine Eintagsfliege zu sein scheint. Und mit eben der Aussicht auf neues Material wird das Trio wohl auch eine Zeit lang im Fokus der Szenebeobachter bleiben.
Und was bleibt am eindrucksvollsten in Erinnerung? Na was wohl - der Abgang mit dem Hit You ging richtig durch die Reihen innerhalb der Turbinenhalle und verbreitete -wie eigentlich der gesamte Gig- große Tanzlust!

BOYTRONIC
(photo: © Ralf Michael Benfer - benfisworld.blogspot.com)


Ich glaube, jeder der angereisten Fans wartete gespannt auf den Auftritt von THE BOLLOCK BROTHERS, waren diese doch in ihrer Blütezeit eigentlich bei jedermann beliebt! Ihr eigenwilliger Sound aus einer Mischung von Punk, Wave und Indie-Rock war sympathisch und einfach sehr authentisch. So war es kein Wunder, dass die Musiker aus den keltischen Ländern Großbritanniens mit großem Applaus bejubelt wurden, als sie mit dem (ganz im Gegensatz zur Synthie-Version des Albums) flotten und rockigen Reincarnation Of Live ihr Set begannen. Der Funke sprang damit sofort über und machte die dreiviertel Stunde zu einer sehr spaßigen Sache. Ein wirklich erhabenes Gefühl musste es für das Quintett gewesen sein, als nach dem Gesang von Jock McDonald beim Song Harley David aus über tausend Kehlen "Son of a bitch" zurückhallte. Jock agierte auf der Bühne wie ein Coach und motivierte seine Musiker immer wieder gerne. War allerdings nicht wirklich nötig, die Spielfreude war den Jungs bei dem alten Knaller The Bunker oder dem eigentlichen folkloristischen Fields Of Athenry, welches Gitarrist Chris McKelvey auch gesanglich übernahm, deutlich anzusehen. THE BOLLOCK BROTHERS zeigten auf, wie einfach und toll man einen punkigen Auftritt gestalten kann.
Und was bleibt am eindrucksvollsten in Erinnerung? Es ist zwar ein Coversong der ALEX HARVEY BAND, doch THE BOLLOCK BROTHERS haben sich Faith Healer dermaßen zu Eigen gemacht und bringen ihn live einfach gigantisch gut rüber - Daumen weit nach oben!

THE BOLLOCK BROTHERS
(photo: © Ralf Michael Benfer - benfisworld.blogspot.com)


Warum in den Achtzigern Jahren die britische Band THE CASSANDRA COMPLEX so beliebt war, liegt meiner Meinung nach daran, dass sie den Spagat zwischen Synthie-Mucke und Gitarren-Sound ziemlich punktgenau hinbekommen hatten und somit beide Fanlager der dunklen Szene bedienten. Nun konnten sie diese feinen Erinnerungen, die wohl ein jeder Fan mit dieser Band verbindet, nochmals auf dem New Waves Day heraufbeschwören. Dazu stiegen sie praktischerweise direkt mit den bekannten Songs One Million Happy Customer und To Stupid To Sin vom großartigen Album 'Theomania' ein und hatten damit die Fans schnell in ihrer Zeitmaschine eingefangen. Leider war der Auftritt auf dem New Waves Day sound-technisch nicht ganz so optimal, was Sänger Rodney Orpheus, der sich sehr elegant im Business-Anzug präsentierte, damit entschuldigte, keinen Soundcheck gemacht zu haben. Ein wenig schade, aber das tat der wunderbaren Setlist keinen Abbruch. Aggressiv, melancholisch oder auch düster beschwörend, die fünfundvierzig Minuten von THE CASSANDRA COMPLEX boten alles auf. Ich denke, dass sich die gesamte Fangemeinde auf neue Ergüsse dieser wunderbaren Band freuen würde, welche schon mehrfach angekündigt, aber bis dato nie umgesetzt wurden. Wenn es allerdings nun lediglich öfters Live-Auftritte mit den alten Klassikern wie dem wilden Moscow Idaho werden, was nicht wenige zum sanften Pogo animierte, dann ist das auch schon ein toller Gewinn!
Und was bleibt am eindrucksvollsten in Erinnerung? Ich glaube jeder Zuschauer wird hier einen anderen Song der Setlist nennen - mich persönlich überraschte der Ausklang mit dem epischen wie auch sperrigen Gunship ziemlich positiv, weil es aufzeigte, dass die Band nicht vor unkonventionellen Überraschungen zurückschreckt!

THE CASSANDRA COMPLEX
(photo: © Ralf Michael Benfer - benfisworld.blogspot.com)


Ohne es datiert zu belegen, glaube ich, dass THE CHAMELEONS VOX in den letzten Jahren eine der meist-tourenden Bands von denen war, die wir in den Achtzigern mehr als geliebt haben und traurig nach deren Trennung waren. Umso besser, dass man Jahrzehnte später die Möglichkeit auf Live-Konzerte immer wieder geboten bekommt. Die Briten um Sänger und Mastermind Mark Burgess waren aktuell auf ihrer 'Magical History Tour - Part 2 2017' und hatten den Termin des New Waves Day in diese eingepflegt. Mit dem langen Track Swamp Thing stieg das Quartett tief in die Soundkiste der wohl unterbewertesten Band der damaligen Indie-Szene und beeindruckten abermals durch ihre Professionalität. Der Sound stimmte einfach punktgenau und so konnten die Fans auf die wunderbaren Songs wie Monkeyland, Second Skin oder Looking Inwardly abfeiern. Ein eher seltenes Lied bei den Live-Auftritten der Band stellte Dali's Picture dar, was eines von vier Songs der jüngst veröffentlichten E.P. mit dem Titel 'Where In The World' ist, welche allerdings schon in einer roheren Abmischung auf älteren Compilations enthalten sind. Die gut fünfzig Minuten waren insgesamt ein wave-rockiges Intermezzo der Perfektion. Wer THE CHAMELEONS VOX noch immer nicht auf der Bühne erlebt hat, dem muss man einfach anraten, dies schleunigst nachzuholen. Besser geht wirklich nicht!
Und was bleibt am eindrucksvollsten in Erinnerung? Das i-Tüpfelchen der Chameleons Vox-Gigs ist bei dem wunderbaren Song Singing Rule Britannia die musikalische Erweiterung dessen; unter anderem mit Text-Auszügen von JOY DIVISION - Dance Dance Dance Dance Dance To The Radio ... brillant!


THE CHAMELEONS VOX
(photo: © Ralf Michael Benfer - benfisworld.blogspot.com)


Ein wenig skeptisch war ich schon, wie der vermeintliche Headliner THE MISSION beim New Waves Day abschneiden würde, war ich zuletzt von ihnen konzertmäßig recht enttäuscht gewesen und mir waren diese Wechselspielchen zwischen einer erneuten Abschieds-Tour und der nächsten Anniversary-Tour so langsam zuviel geworden. Mit dem überraschend starken neuen Album 'Another Fall From Grace' wurde das Interesse an einem weiteren Konzert der Band um Sänger und Gitarrist Wayne Hussey wieder größer. Und es ist wirklich gut gewesen, dass die Veranstalter des Festivals THE MISSION engagiert hatten. Gut gelaunt, mit einer großen Spielfreude und einer weiteren Flasche Rotwein für Wayne legte das Quintett ein spannendes Set hin, welches direkt mit einem episch wirkenden Beyond The Pale gestartet wurde. Natürlich mussten ein paar Tracks des neuen Albums wie zum Beispiel Can't See The Ocean For Rain vorgetragen werden, welche sich aber zum einen sehr gut in den Auftritt der Band einfügten und von den Fans auch schon locker sattelfest mitgesungen werden konnten. Der Sound war ziemlich gut ausgerichtet, was sich gerade bei den ruhigeren Liedern wie Naked And Savage als vorteilhaft erwies. Wer nun aufgepasst hat, fragte sich wohl gerade, warum THE MISSION als Quintett auftrat. Gesanglich wurde Wayne bei einem Großteil der Setlist von Sängerin Evi Vine unterstützt und verwandelte dadurch meinen persönlichen Lieblingstrack Severina zu einer traumhaften Zeitreise. Dieser Support ist eine absolute Bereicherung für THE MISSION. Ein druckvolles Wasteland beendete den Auftritt der Briten, welche jedoch als einzige Band am Abend den Luxus einer Zugabe hatten. Da das Konzert von beiden Seiten, also Musiker wie Fans, ein sehr freudiges Erlebnis war, legte die Truppe sogar noch eine weitere Zugabe hinterher und mit dem rockigen Deliverence, bei dem alle Fans nochmals aus lautstarken Kehlen den Refrain mitsangen, war ein wunderbarer Tag mit starken Live-Auftritten zu Ende.
Und was bleibt am eindrucksvollsten in Erinnerung? Persönlich sicherlich der Song Severina, allerdings zog THE MISSION mit einem sehr überraschenden wie gleichwohl überzeugenden Marian von THE SISTERS OF MERCY einem gewissen Andrew Eltrich die Hosen runter, welcher die tollen Sisters-Songs seit Jahren eigentlich eher verschandelt...

THE MISSION
(photo: © Ralf Michael Benfer - benfisworld.blogspot.com)


Wer von diesen ganzen Live-Auftritten noch nicht genug Dosis an Musik hatte, konnte sich dann noch auf der After-Show-Party austoben, die mit den DJs der Pagan Love Songs sowie den DJs der Under Cover Of Darkness Parties hochkarätige wie szene-erfahrene Plattenteller-Zauberer aufbot. Somit war eine musikalische Zeitreise durch die komplette dunkle Indieszene sichergestellt.Abschließend bleibt zu sagen, dass sich das Konzept der Bündelung alter Helden für die Fans allemal gelohnt hat - das war meiner Meinung nach schnell festzustellen! Wer nicht beim New Waves Day in Oberhausen war, hat definitiv etwas Großartiges verpasst! Hoffentlich hat es sich auch für die Veranstalter bezahlt gemacht, um gegebenenfalls im kommenden Jahr sagen zu können: auf geht es zum 2. New Waves Day!

Diesen Konzertbericht ermöglichten:
Monkeypress (schaut euch die tollen Bilder von Michael Gamon an) und Headline Concerts ...
Vielen Dank, ihr Lieben!

Datum: 13.0.2017
Ort: Oberhausen
Location: Turbinenhalle
Spieldauer: Frank The Baptist 30 min. / Fliehende Stürme 35min. / Boytronic 35min. / The Bollock Brothers 45min. / The Cassandra Complex 40min. / The Chameleons Vox 50min. / The Mission 95min.

Setlist FRANK THE BAPTIST:
01. Ashes Ashes
02. Like Vandals Did
03. Diogenes Travels
04. Falling Stars
05. Bleeding in my Arms
06. Die Die My Darling
07. Angry Kids Of Jealous Gods


Setlist FLIEHENDE STÜRME:
01. Sirenen
02. Kaleidoskop
03. Ziellose Wege
04. Ein Tropfen im Feuer
05. Springen
06. Blauer Mond
07. Satellit

Setlist BOYTRONIC:
01. Red Chips
02. Luna Square
03. Free To Love
04. Time After Midnight
05. My Baby Lost It's Way
06. You

Setlist THE BOLLOCK BROTHERS:
01. Reincarnation Of Life
02. Horror Movies
03. The Bunker
04. Count Dracula Where's Yar Troosers
05. Harley David
06. Jack The Ripper

07. Fields Of Athenry
08. King Rat
09. Faith Healer

Setlist THE CASSANDRA COMPLEX:
01. One Million Happy Customer

02. To Stupid To Sin
03. What Can I Do For You?
04. Datakill
05. Motherad
06. Second Shot
07. The War Against Sleep
08. Moscow Idaho
09. Gunship

Setlist THE CHAMELEONS VOX:
01. Swamp Thing
02. Mad Jack
03. Monkeyland
04. Dali's Picture
05. Looking Inwardly
06. Up The Down Escalator
07. Thursdays Child
08. Second Skin
09. Singing Rule Britannia

Setlist THE MISSION:
01. Beyond The Pale
02. Met-Amor-Phosis
03. Serpent's Kiss
04. Swoon
05. Garden Of Delight
06. Can't See The Ocean For Rain
07. Naked And Savage
08. Severina
09. Tyranny Of Secrets
10. Like A Child Again
11. Tower Of Strength
12. Wasteland
Zugabe I:
13. Butterfly On A Wheel
14. Marian
Zugabe II:
15. Swan Song
16. Deliverance